Blaues Wunder: drei Tage im Alpbachtal

Weitwandern mit Kindern? Auf einer dreitägigen Rundwanderung um die Gratlspitze im Alpbachtal könnt ihr  testen, ob das den Kleinen taugt – und müsst dabei nicht zu sehr auf Komfort verzichten

Helene lässt ihren schweren Rucksack fallen. Mehrere Stunden hat sie ihn vom Örtchen Alpbach hierhergetragen. Ab der Hälfte des Weges wurde er immer voller und schwerer. Endlich steht sie vor der Holzalm, dem Tagesziel. Sie holt die Steine aus dem Rucksack und begutachtet sie mit ihrem Bruder in der späten Nachmittagssonne, die das Wiesenplateau am Fuß der Gratlspitze in ein warmes Orange taucht. Jakob schnappt sich ein paar türkisblaue Exemplare, flitzt zur Tränke und unterzieht die Schätze einer gründlichen Wäsche. Außer dem Plätschern ist nicht viel zu hören. Das Wollgras leuchtet. Die Familie bleibt allein auf der Alm zurück. Nur ein Pärchen nimmt in der Hoffnung auf einen romantischen Sonnenuntergang den Weg auf die Gratlspitze. Die steht morgen auf unserem Programm.

Auf der urigen Holzalm im Alpbachtal ist der Name Programm. Vor 106 Jahren wurde sie von einem Holzfäller errichtet, erzählt die Wirtin Annemarie Prosch. Das Gebäude, von der Decke über die Wände bis zum Boden samt dem Mobiliar, besteht komplett aus altem Holz. Es knarzt in allen Ecken. Umso mehr sticht eine üppige Steinsammlung ins Auge, die an der Wand, im Regal und auf dem Ofen zu bestaunen ist. Steine in vielen Größen, Formen und vor allem Farben. „Die bringen uns die Steinsammler immer mit, als Geschenk“, erzählt Annemarie. Irgendwann wurden es so viele, dass sie hinter Glas mussten, jeweils mit Herkunftsort versehen. Die Steinsammler kommen von überall her. Die aus Wien kommen jedes Jahr zur selben Zeit. Sie bleiben eine Woche auf der Holzalm, um in der Gegend Steine zu suchen. Zum Beispiel am „Kaiserbründl“.

Ein Eimer Türkis am Berg

Dort waren Helene und Jakob heute auch. Von Alpbach, das einmal zum schönsten Dorf Österreichs gewählt wurde, sind sie über das Hösljoch zu einem schmalen Bergsteig hinaufgewandert. An der kleinen Hösllacke würden sie die Beine im Wasser kühlen können, hatte es geheißen. Heute schwirrten dort nur fiese Bremsen herum und machten den Kindern stattdessen Beine. Der Steig führte uns dann über einige Schuttreisen entlang der Schatten spendenden Nordflanke der Gratlspitze, die mit ihren steilen, felsigen Flanken so gar nicht ins Bild der Kitzbüheler Grasberge passen will.

Und hätten die Steine nicht so unübersehbar in Helenes Lieblingsfarbe geschimmert, die beiden wären achtlos drübergestiegen. „Ich dachte, die sind angemalt“, wundert sich Helene, als sie einen der unzähligen türkisblauen Steine aufnimmt. Schon machten sich die Kinder auf die Suche, ein Stein schöner als der andere. Als hätte jemand einen Eimer Türkisblau am Berg verschüttet. Und jedes einzelne Stück landete im Rucksack. Das Azurit- und Malachitgestein an der Gratlspitze zeugt vom jahrhundertelangen Kupferabbau im Alpbachtal. Bis 1861 wurde hier aktiv Bergbau betrieben. Ein verfallener Stolleneingang beim „Kaiserbründl“ ist eines der letzten Überbleibsel aus dieser Zeit.

Derartige Stolleneingänge gibt es hier mehrere. Das verleiht auch dem knapp zweistündigen Aufstieg zur Gratlspitze am nächsten Morgen eine abenteuerliche Note. Wer findet zuerst die kleine Höhle am Weg? Ein bisschen zugewachsen unter Baumwurzeln und Gras? Und dann diese Wolken! Die Reste des ohrenbetäubenden Gewitters, das die Kinder nachts vom Schlaf abgehalten hatte, haben sich ins Tal zurückgezogen oder kriechen an der Nordflanke des Berges hinauf, bevor sie sich in Wohlgefallen auflösen. Und nun darf Jakob über den Wolken wandern, manchmal steigt er mit ihnen um die Wette nach oben: „Schnell, Helene, die Wolken kommen!“ Nicht nur deswegen macht der Gratlspitz den Kindern richtig Spaß. An mehreren kleinen Felsstufen können sie Hand anlegen, mal am Stein, mal am gespannten Seil, bis sie sich kurz darauf am Kreuz ins Gipfelbuch eintragen, tief unter ihnen das Alpbachtal. Die Bank am Grat wird sofort in Beschlag genommen, als sie frei wird.

 

 

Zweite Etappe: Pinzgerhof

Zurück an der Holzalm zieht die nächste Regenfront durch. Jakob hat sich verausgabt, die Nacht in der Hütte mit ihren vielen unbekannten Geräuschen und Gerüchen und dem kräftigen Gewitter haben ihm Energie geraubt. Doch die Holzalm war erst die erste Tagesetappe auf der dreitägigen Familienrunde um die Gratlspitze. Die neue Steinsammlung will heute noch bis zum Pinzgerhof getragen werden, und morgen dann um den Berg zurück nach Alpbach. Zum Glück geht es auf der heutigen Etappe ohne längere Anstiege weiter. Die Silberbergalm lenkt unterwegs mit ihren aufdringlichen Ziegen und hungrigen Schweinen ab, die gefüttert werden möchten. In einem versteckten, kleinen Klettergarten im kühlen Wald schauen die Kinder fasziniert zwei Wandakrobaten zu. Und über lange Strecken halten sie sich mit Witzen bei Laune, über die nur Kinder lachen können. Egal, Hauptsache die Füße laufen weiter, denn so spannend wie hinauf zur Gratlspitze wird es heute nicht mehr.

Eigentlich will Jakob nur noch schlafen. Nur: Wo wird das sein und was erwartet ihn diese Nacht für ein Geräusche-Kanon? „Das ist ja ein Hotel“, ruft Helene begeistert, als sie vorm Pinzgerhof stehen. Das hatte sie auf einer Mehrtageswanderung in den Bergen ganz sicher nicht erwartet. Jakob ist auch plötzlich wieder munter. Und während die Eltern von der Terrasse aus das hinterm Rofan und überm Inntal aufziehende Gewitter beobachten, vertiefen sich die Kinder ins Spiel mit Ziegen und Kaninchen. „Ein Tag ist hier viel zu wenig“, mault das Mädchen, das morgen nicht schon wieder weiterwandern will. Dabei erwartet die Kinder am nächsten Morgen ein entspannter Panoramaweg, auf dem Jakob erstmals dem Echo in den Bergen begegnen und hingerissen mit ihm kommunizieren wird. „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ „… Esel!“ Aber davon ahnen die Kinder noch nichts. Sie wissen nur: „Papa, morgen trägst du die Steine!“

Dieser Artikel ist in ähnlicher Form in der Zeitschrift „Alpin“ erschienen.

Gut zu wissen

Die Holzalm liegt wirklich wunderschön unter der Gratlspitze, ist aber auch mit dem Auto von Brixlegg über Zimmermoos zu erreichen. Die Wanderung von Alpbach lohnt sich aber wirklich und die Gratlspitze ist ein Muss für kleine Gipfelstürmer. Die Zimmer sind gemütlich, nur Regen brettert auf das Blechdach der Terrasse und bringt so manches Kind um den Schlaf
Sommerbetrieb von Pfingsten bis Oktober, 10 Betten, 4 Zimmer, Vermietung nur im Sommer
Weitere Informationen findet Ihr auf der  Seite des Tourismusverbandes
Kontakt:  Tel.: +43 676 4206103, brixlegg.holzalm@hotmail.com

Die weitere Tour über den Pinzgerhof ist dann bei weitem nicht mehr so abwechslungsreich, wenngleich der Pinzgerhof selbst sehr komfortabel ist. Von dort zieht sich der Rückweg nach Alpbach zuerst auf einem schönen Pfad durch den Wald, dann aber auf Asphalt bis in den Ort.
Pinzgerhof: Hier könnt Ihr alles wissenswerte übers Schnapsbrennen erfahren. Der Hausherr, hat mit seinen Schnäpsen schon so manche Auszeichnung kassiert. Die Kinder lasst Ihr dann lieber bei den Kaninchen.
Kontakt: www.pinzgerhof.at, +43 / 53 37 / 62 174, urlaub@pinzgerhof.at

Anfahrt

Von der Inntalautobahn A12 bei Kramsach ins Alpbachtal abfahren, über Brixlegg und Reith nach Alpbach. Der Straßé durch den Ort folgen und hinter dem Ortsausgang links hinauf zum Zottahof. Bester Ausgangspunkt ist der Parkplatz beim Oberthalerhof auf 1200 m.

Tourverlauf rund um und auf den Gratlspitz

Tourverlauf Gratlspitze Alpbachtal

Wie weit?    18 km (250/450/350)
Wie lang?    12 h  (3/5/4)
Wie hoch?   ca. 1400 hm

 

1 Comment

  1. Hi Ute :)
    Ich bin zwar nicht mehr ganz so jung aber ich finde es trotzdem schön, wenn mehr Kinder und Jugendliche wandern gehen würden :D
    Ich bin 15 und kenne trotzdem nur wirklich wenige in meinem Alter, die gerne in die Berge bzw. wandern gehen würden.
    Obwohl es doch so viel Spaß macht :)

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